top of styria 2022

14 top of styria 2022 Wer auf Schultern von Riesen steht, kann tief fallen Martin Gsellmann „Der aufgeklärte Mensch beginnt z. B. an der Sicherheit zu zweifeln, wenn weitere Maßnahmen zur Verbesserung dieser – ob Autogurt, ob Impfung – am Horizont auftauchen. Greift der Staat zur Sicherung allgemeiner Gesundheitsversorgung durch gesellschaftliche Beschränkungen ein, fragt der Zweifel nach dem Bestehen der Grundfreiheiten.“ Über die Wahrnehmung eines „Systems“ Gesundheit. Wer mit Medien zu tun hat, ist Rei- bungsverluste in der Kommunikation, der Darstellung und journalistische Überspitzung gewohnt. Auch, dass die Individualisierung Ein- und Ausblicke der realen Verfassung der Wirklichkeit in Echokammern zwingt und dann pandemieverstärkt wieder zu Tage tritt, ist ein weit geteilter soziologischer Befund. Dann kommt noch das Misstrauen über die eigene Wahrnehmung dazu. Wie aber über diese epistemologischen Hindernisse springen, um einen echten Blick auf eine Realität zu fassen, oder auch zu bekommen? Was ist der unverbaute, unberührte, naive Blick, der den kantianischen Dreisprung Erkennen – Urteilen – Handeln möglich macht? Die Statistiken sind eindeutig: Noch nie gab es so viele im Bereich Gesundheit Beschäftigte, noch nie gab es so hohe Ausgaben für den Bereich Gesundheit. Doch würde die Nennung dieser Zahlen paradox wirken zu Begriffen wie „Pflegenotstand, Ärztemangel und Ausdünnung der medizinischen Versorgung“, die landauf und landab den ohnehin schon Dauerkrisengebeutelten nahegelegt werden.1 Somit gibt es zwei Ufer und einen Graben: ein Ufer der entsprechenden Wirklichkeit, eines der erfassten Wirklichkeit und den Graben dazwischen. An dieser Stelle wird angenommen, dass der aufgeklärte Mensch willens ist, diesen Graben zu überwinden. Es gibt ein Paradox in der Moderne, das mit jedem Fortschritt einhergeht: der Zweifel. Er geht nicht der Erkenntnis voraus, wie gerne das Descartes auch hätte, eher ist der Zweifel dem Faktum aus der Erkenntnis hinterher. Der aufgeklärte Mensch beginnt z. B. an der Sicherheit zu zweifeln, wenn weitere Maßnahmen zur Verbesserung dieser – ob Autogurt, ob Impfung – am Horizont auftauchen. Greift der Staat zur Sicherung allgemeiner Gesundheitsversorgung durch gesellschaftliche Beschränkungen ein, fragt der Zweifel nach dem Bestehen der Grundfreiheiten. Es ist nicht die tolle Aussicht, die der Mensch auf den Schultern von Riesen genießt, es ist die Fallhöhe, die ihn (unter medialen Vorzeichen) beschäftigt. Und davon gibt es viele Höhen, aus denen zu fallen eine Katastrophe darstellen würde. Insofern sind in der Moderne Habitate unglaublich reich und zugleich auch sehr bedauernswert. Das postmoderne „Narrativ“ macht es nicht leichter. Es stellt in Erzählketten, blockchains, die Frage nach Wirklichkeit und Wahrnehmung noch einmal dringlicher. Ein Vorschlag: Die Wahrnehmung darf immer neu beginnen. Und das wahrscheinlich nicht Foto: Vanessa Maria Rachle STANDORT Mag. Martin Gsellmann hat Theologie und Soziologie studiert. Er ist Pressesprecher der Landesrätin für Gesundheit, Pflege, Sport und Gesellschaft, Dr.in Juliane Bogner.Strauß. Zuvor war er Leiter des Bereiches Medien und Kommunikation der Ordensgemeinschaften Österreich und Pressesprecher in der Diözese Graz-Seckau. nur am Gesundheitssektor. Daher ist bei den Menschen guten Willens Kritik mehr als je gefragt. Keine Kritik, die sich selbst als immun betrachtet. Eine solche leistet keine Dienste, sie erfüllt nur Zwecke. Gefragt ist eine ehrliche Kritik, mit der Respekt und Anerkennung einer Vielfalt an Positionen einhergehen. Die Forderung, nach den Menschen im System zu fragen, ist so alt wie jede Formulierung eines „Systems“. Doch geht es nicht nach der Richtung der Frage, sondern um das „Wie“ der Frage. Wir sind es jenen „im System“ schuldig, die mit Herz und Leidenschaft unsere Gesundheitsversorgung sicherstellen: jenen Ärzt:innen und Pfleger:innen, die sich täglich in den Dienst gestellt wissen und ihr hohes Berufsethos täglich neu mit dem Alltag verhandeln. Die sich nicht als System – aber systemrelevant – empfinden und nicht in die eine oder andere Richtung Schuldige suchen, sondern täglich um Lösungen, um Heilung bemüht sind. Uns eint als Menschen unsere Verletzlichkeit und unser Bedürfnis nach Heilung. Wir sollten schon allein deshalb die Wahrnehmung neu daraufhin überprüfen. Denn eine Brücke ist immer möglich. 1 Die statistische Zuspitzung sei bitte nachgesehen, man könnte auch von einer der besten Gesundheitsversorgungen der Welt sprechen, obwohl natürlich die Herausforderungen sich täglich neu stellen. „Gefragt ist eine ehrliche Kritik, mit der Respekt und Anerkennung einer Vielfalt an Positionen einhergehen.“

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