top of styria 2022

top of styria 21 2022 «Wir sind pleite! Verstehen Sie doch, wir sind pleite!» Kaum ein Satz ist schärfer und länger im kollektiven Gedächtnis eines Landes geblieben als jener, den der damalige ÖIAG-Chef Sekyra aufgebrachten Kapfenberger Arbeitern im Sommer 1987 entgegenhielt. So eindeutig die Botschaft war, so vielschichtig präsentieren sich heute die Folgen, die sich daraus ergaben. „Krise als Chance“, „Ende als Anfang“ – was meistens als schaler Trost klingt, trifft auf die Steiermark jedenfalls zu. Der Tiefpunkt war das Signal für Aufbruch, für tiefgreifende Umstrukturierungen, für eine wirtschaftspolitische Emanzipation des Landes vom Bund und für eine moderne Standortentwicklung, die die Ausgestaltung der wissenschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen als Garanten für die Zukunft sah. Die Steiermark vor 40 Jahren, also zu Beginn der 1980er Jahre, war eines dieser typischen europäischen „Old Industrial Areas“ (wer kannte nicht die geschlossenen englischen Kohlenreviere, die einbrechende Schwerindustrie in Belgien, Frankreich und Deutschland?). Im Zentrum standen die obersteirischen Industriebezirke, die wirtschaftlich, kulturell undmental von der Welt der sogenannten „Verstaatlichten“ geprägt waren. Ein scheinbar gesicherter Kosmos im öffentlichen Eigentum (und deshalb unter einem politischen Schutzmantel), der, ganz im Gegensatz zur ursprünglichen Gründungsidee, aufgrund schwerer struktureller Defizite einer drohenden Deindustrialisierung entgegenschritt. Das ganze Land wurde mitgezogen. Während in der Obersteiermark eine (bis heute) nicht zu bremsende Abwanderung einsetzte, rutschte die gesamte Steiermark in den wesentlichen wirtschaftlichen Kernindikatoren wie Arbeitslosigkeit oder Wachstum phasenweise an die letzte Stelle im Bundesländervergleich. Ein Blick auf die weitere Entwicklung zeigt aber, dass das Tal Mitte der 1990er Jahre nicht nur durchschritten wurde, sondern die Steiermark es schaffte, sich zu stabilisieren und dynamisch aufzuholen. Das ging freilich einher mit einer massiven Verschiebung des wirtschaftlichen und des industriellen Schwerpunktes in den Grazer Zentralraum und überraschenderweise auch in Teile der Oststeiermark. Der Schlüssel zum Erfolg fand sich freilich erst mit Anlauf. Zunächst verließ man sich auf nationale Eingriffe, der regionalen Strukturpolitik und Faktoren- entwicklung wurde wenig Raum gelassen. Im Zentrum standen vielmehr: Arbeitsplatzerhaltung durch Verlustabdeckungen (Stichwort Kaufkrafterhaltung), konjunkturstützende Maßnahmen und hastig organisierte, hoch subventionierte Betriebsansiedlungen, die oft keine frischen technologischen Impulse brachten, sondern das Problem der verlängerten Werkbänke verschärften. Natürlich blieb die Wirkung auf öffentliche Budgets nicht aus, die Schulden stiegen rasant. Das Versagen des lange durchaus erfolgreich praktizierten „Austro-Keynesianismus“ gegenüber der großen Stagflationskrise der 1970er und 1980er bestand in der Ignoranz gegenüber offensichtlichen betrieblichen und regionalen Struktur- und Wettbewerbsdefiziten. Wenn Produkte keinen Markt mehr finden, dann helfen auch dicke Konjunkturspritzen nichts. Der Schock, den der Beinahe-Zusammenbruch der Voest-Alpine 1985 hinterließ (Intertrading STANDORT Die Steiermark – vom alten Industriegebiet zummodernen Wissensraum Thomas Krautzer Univ.-Prof. Dr. Thomas Krautzer leitet das Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte sowie das Zentrum für Entrepreneurship und angewandte Betriebswirtschaftslehre an der Karl-Franzens-Universität Graz. Zuvor fungierte er 16 Jahre als Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Steiermark. „Krise als Chance, Ende als Anfang – was meistens als schaler Trost klingt, trifft auf die Steiermark jedenfalls zu.“ „Das Versagen des lange durchaus erfolgreich praktizierten Austro-Keynesianismus gegenüber der großen Stagflationskrise der 1970er und 1980er bestand in der Ignoranz gegenüber offensichtlichen betrieblichen und regionalen Struktur- und Wettbewerbsdefiziten.“ Foto: www.pixelcult.com

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