top of styria 2022

top of styria 3 2022 Es ist Krise. Immer noch. Kaum scheint die Pandemie einigermaßen überwunden, hat sich mit Krieg und Energiekosten gleich das nächste Bedrohungsszenario aufgebaut. Das müssen wir über kurz oder lang auf europäischer Ebene bekämpfen und auflösen – und das wird uns hoffentlich auch gelingen. Bis dahin brauchen die Unternehmen aber keine Energiespartipps und keine Haushaltsratschläge. Denn was soll der Koch machen, wenn Speiseöl und Gas immer teurer werden? Nur mehr jedes 2. Schnitzel frittieren? Der Dachdecker – nur mehr jeden 3. Dachziegel auflegen? Der Spediteur – nur mehr mit dem Kleintransporter liefern? Was wir brauchen, ist eine Entkopplung der Strom- und Gaspreise auf europäischer Ebene und die Abschaffung des Merit-Order-Prinzips. Wir können aber auch im eigenen Land etwas bewegen: Die Bundesregierung muss etwa zügig ein unbürokratisches, automatisiertes, antragsloses Lösungsmodell für den Gaspreis vorlegen. Nicht minder brisant ist der Arbeitskräftemangel (den Begriff Fachkräftemangel können wir fürs Erste in die Ecke stellen – er trifft den Kern nicht mehr). Auch hier können wir selbst aktiv werden, wobei wir gegen die demografische Entwicklung nichts ausrichten können. Es fehlen tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die entweder bereits in der oder kurz vor der Pension sind. Das sei allen Menschen vergönnt, keine Frage, aber Hand aufs Herz: Soll man körperlich und geistig voll fitte Menschen, die auch jenseits der 60 sportliche Höchstleistungen voll­ „Was wir brauchen, ist eine Entkopplung der Strom- und Gaspreise auf europäischer Ebene und die Abschaffung des Merit-OrderPrinzips. Wir können aber auch im eigenen Land etwas bewegen: Die Bundesregierung muss etwa zügig ein unbürokratisches, automatisiertes, antragsloses Lösungsmodell für den Gaspreis vorlegen.“ Bild: Joanna Gleich; Foto: Wolf KLARTEXT Es gibt immer was zu tun. Für alle. Josef Herk Ing. Josef Herk ist Präsident der Wirtschaftskammer Steiermark. bringen können, so einfach aus ihrer sozialen Verantwortung entlassen – sprich in Pension schicken? Oder ist es gerechter, über die Anpassung des Pensionsalters nachzudenken, und zwar ehrlich nachzudenken? Die arbeiten wollen, auch arbeiten lassen Der marathonlaufende Pensionist mag ein extremes Beispiel sein, aber das Problem ist systemimmanent oder – um es verständlich zu sagen – typisch österreichisch: Aktuell arbeiten hierzulande gerade einmal 55 Prozent der 55- bis 64-Jährigen, in Schweden dagegen sind es 78 Prozent. Diesen Menschen müssen wir Angebote machen. Wie wäre es etwa mit einer Befreiung von erneuten Pensionsversicherungsbeiträgen, um Menschen, die arbeiten wollen, auch arbeiten zu lassen? Auch das Thema Teilzeit müssen wir in diesem Zusammenhang diskutieren. Wir stehen hier vor einer paradoxen Situation: Einerseits verzeichnen wir Rekord-Beschäftigung, andererseits eine rückläufige Arbeitszeit. Ein Grund dafür: Immer mehr Junge wollen nur mehr Teilzeit arbeiten, hätten aber sowohl die Ausbildung, als auch das Potenzial, als auch die Energie, um voll zu arbeiten – ein Phänomen, das uns noch sehr beschäftigen wird. Und ein Auftrag an uns als Unternehmerinnen und Unternehmer, die Zeichen der Zeit zu erkennen und unsere (Business-)Modelle nachzujustieren. Nur zu schimpfen, wird uns nicht helfen. Und noch etwas sei gesagt: Es geht immer um positive Anreize und – auch – um die persönliche Würde. Denn jeder Mensch sollte aus eigenen Stücken in der Lage sein, sein Leben zu bestreiten. Gelingt das aus irgendeinem Grund nicht, dann sind alle Sozialleistungen gerechtfertigt. Für alle anderen gilt: Es gibt Arbeit. Nach wie vor.

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