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Fotos: Harry Schiffer

D

ISKURS

auf dem Prüfstand. Und wir

spüren irgendwie: Wenn man

das halten oder sogar aus-

bauen will, und das will ja of-

fenkundig jeder, dann wird

man einen Teil dieses Wohl-

standsniveaus abgeben müs-

sen. Man gibt aber nur un-

gern etwas ab. Daher ist das

gesellschaftliche Gefühl: Die

Leistungsträger sagen, wir

werden nicht honoriert da-

für, dass wir Leistung brin-

gen. Die anderen, die nicht

leisten können oder wollen,

werden als Transferempfän-

ger dargestellt. In letzter Kon-

sequenz ist das ein dicker Keil

in der Gesellschaft. Das bein-

haltet ein ordentliches Risiko-

potenzial.

Knill:

Man hatte den Wohl-

standsaufbau in der Nach-

kriegszeit, da hat es ein kla-

res Ziel gegeben. Wohin geht

die Reise jetzt weiter? Da gibt

es viele Themen: Stichwort

Digitalisierung. Aber mit de-

nen kann niemand wirk-

lich etwas anfangen. Das ist

zu wenig als Anknüpfungs-

punkt, wohin wir uns als Ge-

sellschaft weiterentwickeln

wollen im Sinne von Wohl-

stand, Bildung etc. Da gibt

es ein Defizit. Wir sind in der

Ausrichtung ein bisschen im

luftleeren Raum – das ist ein

Nährboden für Angst.

Herrgesell:

Ich würde gerne

noch einmal zum Igel zurück-

kommen. Wenn ich zurück-

schaue ins 16. Jahrhundert:

Graz ist eine mehrheitlich

evangelische Stadt, der Wohl-

stand ist da, Johannes Kepler

lehrt hier – weltbekannt heute

– und dann mit einem Schlag:

die Gegenreformation. Alle

werden vertrieben, getötet,

müssen wegwandern, die Kin-

der dalassen. Das war wie der

LKW, der da gekommen ist,

würde ich jetzt als Bild sagen.

Die evangelische Kirche hatte

damals totale Existenzängste,

und wenn es da nicht Perspek-

tiven gegeben hätte, würde

es heute keine Evangelischen

mehr in Österreich geben.

Knill:

Aber es hat eine Gruppe

gegeben, die wieder eine Pers-

pektive daraus gemacht hat …

Herrgesell:

Im Kleinen wieder

entwickelt …

Knill:

Aus einem Kern …

Herrgesell:

Ich meine, das war

eine reale Bedrohung. Aber

jetzt haben wir Angst, dass

uns alle alles wegnehmen.

Was ist die Strategie, wenn die

Angst so um sich greift? Ma-

che ich wieder den Igel, stel-

le ich mich tot? Renne ich da-

von? Oder ergreife ich eine

Initiative? Das sehe ich im-

mer noch als meinen Weg, als

Zukunftsweg. Ich tue mir na-

türlich leichter in dieser Run-

de: Wir haben ja noch den Hei-

ligen Geist, der uns aus sol-

chen Situationen wieder her-

ausholt.

Buchmann:

Ein Rezept gibt

es sicher nicht, Handlungs-

anleitungen schon: Etwa dass

man bestimmte Grundwer-

te hat, die gesellschaftlich ge-

teilt werden – ob christliche

oder andere –, aber jedenfalls

eine gemeinsame Wertebasis.

Dazu brauchst du auch eine

Elite, im positiven Sinn des

Wortes, letztendlich in der Po-

litik kulminierend, die ein po-

sitives Zukunftsbild formulie-

ren kann, mit dem der Groß-

teil der Gesellschaft etwas an-

fangen kann. Wir haben mo-

mentan ein Kernproblem: Die

europäische Einigung war

lange Zeit ein großes gemein-

sames Bild. Die gemeinsame

Währung war lange ein gro-

ßes gemeinsames Bild. Jetzt

kommen von rechts, links,

oben, unten Einflüsse. Die ei-

nen wollen austreten, die an-

deren einen Nord- und einen

Süd-Euro. Jeder spürt, dass

das, was er sich in seinem

Wertegebäude aufgebaut hat,

und möglicherweise das, wo-

ran er oder sie geglaubt hat,

aktuell hinterfragt wird. Des-

wegen wäre es gut, wenn wir

uns insgesamt auf ein

big pic-

ture

einigen könnten, das wir

in Europa oder auch nur in

Österreich erreichen wollen.

Was mir im politischen Be-

reich zu denken gibt: Nicht we-

nige – und kluge – Leute fra-

gen, inwieweit die Demokra-

tie ihre Aufgaben noch wahr-

nehmen kann. Alle Länder

ohne Mehrheitswahlrecht ha-

ben drei, vier Parteien in den

Regierungen: Bei Einstim-

migkeitsprinzip in den Gremi-

en ist die Politik immer weni-

ger entscheidungsfähig. Und

die Leute sagen: Eigentlich

wählen wir euch, damit ihr

uns Entscheidungen abnehmt

und uns einen Tipp gebt, wo

es hingeht. Das ist schon eine

riesige Herausforderung.

Knill:

Ich würde mir schon

wünschen, dass wir von ei-

nem

big picture

zumindest auf

europäischer Ebene sprechen.

Wir haben globale Heraus-

forderungen, die auf uns ein-

prasseln: Die wirtschaftliche

Lage generell, was macht Chi-

na, was machen die USA, der

Terrorismus ist ein globales

Thema, ebenso die Klimaer­

wärmung. Da müssen wir zu-

mindest als europäische Ein-

heit gegenüber anderen wich-

tigen Blöcken auftreten, wenn

man das geopolitisch betrach-

tet. Dazu müssen wir uns als

Europa neu erfinden. Sie ha-

ben das angesprochen. Die eu-

ropäische Einheit war ein Me-

„In einer komplexen Welt sind einfache

Antworten schwer zu geben.“

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styria 13

2016