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ISKURS
ga-Projekt. Dieser Prozess ist
nicht zu Ende geführt worden,
weil wir uns momentan, be-
vor wir eins sind, schon wie-
der
auseinanderdividieren.
Aber da müssten wir wieder
ansetzen, um als Europäer im
globalen Kontext auf die Her-
ausforderungen entsprechen-
de Antworten zu geben.
top of styria:
Unlängst ging es
in einer ARD-Sendung um die
Rhetorik der Angst. Da meinte
die Journalistin Anja Reschke:
„Fakten haben ihren Wert ver-
loren.” Jetzt reden wir viel über
Fakten. Kann man mit denen
überhaupt noch operieren?
Oder müssen wir mit Niklas
Luhmann sagen: „Gegen Angst
gibt es keine Argumente.”
Herrgesell:
Nur mit Fakten
oder Zahlen geht es sicher
nicht. Mir fällt immer Martin
Luther King ein, der nicht ge-
sagt hat:
I have a plan!
Oder:
Let‘s do that!
Er sagte:
I have a
dream!
Aus dem Traum ist die
ganze Bürgerrechtsbewegung
geworden, die viel bewirkt hat.
Neuper:
Fakten können völ-
lig unterschiedlich interpre-
tiert und aufgenommen wer-
den. Da können Emotionen
wie Angst sehr stark hinein-
spielen. Ich glaube nicht, dass
man mit dem Vermitteln von
Fakten Zukunftsängste tat-
sächlich lösen kann, weil es
praktisch so große Unter-
schiede in der Interpretation
gibt. Man braucht eine Mög-
lichkeit, sie zu bewerten. Na-
türlich ist es auch ein ers-
ter Schritt, dass wir als Bil-
dungsinstitution versuchen,
Themen wie den Klimawan-
del möglichst so zu vermit-
teln, wie sie sind – auch mit
der wissenschaftlichen Ex-
pertise. Aber: Damit allein
können wir keine Aufbruchs-
stimmung erzeugen. Da müs-
sen wir den Menschen schon
als gesamten wahrnehmen.
Da müssen auch Visionen
aufgezeigt werden. Mit Fak-
ten allein geht das nicht.
Knill:
Es geht immer auch um
Emotionalisierung …
Neuper:
Es ist immer Emoti-
on dabei. Während der eine
an den Tatsachen verzwei-
felt, bastelt der andere schon
an
Lösungsmöglichkeiten.
Wir wissen etwa aus dem
Umweltbereich, dass das
Wissen alleine nicht reicht,
um unser Verhalten zu än-
dern. Es braucht Anreize da-
für. Menschen tun nicht das,
was sie wissen. Da gibt es
große Diskrepanzen bei vie-
len Themen, von der Umwelt
über Soziales bis zur Migra-
tion. Sehr viele Studien aus
der Psychologie zeigen, dass
das Verhalten bei Weitem
nicht so rational ist, wie wir
eigentlich immer glauben
und glauben machen.
Buchmann:
Die deutsche Spra
che hat ein Instrument da-
für: sich fürchten vor. Wenn
du dich vor etwas Konkretem
fürchtest, kannst du wahr-
scheinlich faktenbasiert zu
einer Entspannung beitragen.
Angst ist aber schwer greif-
bar. Deswegen haben Populis-
ten in der aktuellen Situation
alle Chancen, weil sie diese
Stimmungslagen gut mit ein-
fachen Antworten populis-
tisch bedienen.
Neuper:
Es gibt einen Boden
für Populismus. Das muss
man erkennen und entspre-
chend gegensteuern. Das
kommt gerade bei solchen
latenten
Zukunftsängsten
durch. Ich glaube, dass wir
sichtbarmachenmüssen, dass
die einfache Lösung nicht im-
mer funktionieren kann. Da
gibt es aber eine Hürde: Perso-
nen, die sagen, sie haben eine
einfache Antwort und eine
auf alle Fragen, können einen
gewissen Zuspruch für eine
gewisse Zeit erreichen.
Herrgesell:
Wenn mir einge-
redet wird, da kommen ganz
viele, die wollen etwas weg-
nehmen, wie trete ich dem so
entgegen, dass die Leute mir
glauben?
Neuper:
Hier sind Werthal-
tungen gefragt, die auch kom-
muniziert werden müssen.
Demokratie als Grundwert,
Meinungsfreiheit, Freiheit der
Forschung und auch Grundla-
genforschung der Universität
sind Grundrechte einer demo-
kratischen Gesellschaft.
top of styria:
Wird es nicht öf-
fentlich ausgesprochen oder
wird es nicht gehört?
Herrgesell:
Es ist immer
schwierig gewesen, gegen ein-
fache Lösungen aufzustehen,
dafür braucht es Mut. Es ist
einfacher, sich Mehrheiten
anzuschließen und zu sagen:
Schließen wir uns ab, dann
können wir unseren Stan-
dard halten. Vielleicht fehlt es
uns derzeit wirklich an Mut.
Knill:
Mut natürlich auch auf
europäischer Ebene! Wo sind
jene Personen in den Ländern,
die die europäische Idee getra-
gen und dorthin gebracht ha-
ben, wo wir uns heute befin-
den? Wo sind die politischen
Kräfte, die dieses gemeinsa-
me Europa neu definieren und
neu gestalten wollen? Jeder
sucht den einfacheren Weg.
Das ist aus meiner Sicht po-
pulistisch, aber das ist nicht
mutig. Mut würde bedeuten,
genau jetzt aufzustehen und
zu beweisen, wofür wir ein-
„Viele Bewegungen sind aus Zukunftsangst
entstanden.“
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of
styria
2016




