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styria 11

2016

D

ISKURS

einandersetzen müssen. Der

Mensch ist von Natur her we-

nig veränderungsbereit, somit

bringt jede Veränderung He-

rausforderungen und Ängs-

te mit sich. Wenn ich auf un-

sere Generation komme, dann

wundert es mich aber schon,

dass wir so große Zukunfts-

ängste haben. Wir befinden

uns doch eigentlich in einem

Wohlstand, den es so noch nie

gegeben hat, und dürfen uns

in Europa relativ sicher füh-

len. Die aktuelle emotionale

Lage deckt sich nicht mit der

Wirklichkeit, mit den Fakten.

Woher kommen diese Ängs-

te? Nicht so sehr aus dem ei-

genen gespürten Umfeld, son-

dern vielmehr durch Informa-

tionen und Nachrichten, die

auf uns hereinprasseln – tag-

täglich in unterschiedlichster

Dimension. Da gehen wir pau-

schal eher in eine ängstliche

Deckungs- oder Rückzugs-

haltung, was aber meines Er-

achtens der komplett falsche

Ansatz ist. Wenn wir uns von

Angst leiten lassen, verhalten

wir uns eher passiv, anstatt

die Möglichkeiten und Chan-

cen der Zukunft zu sehen. Um

unser Unternehmen erfolg-

reich an die 13. Generation

zu übergeben, ist Angst ein

schlechter Begleiter. Das aus

Ängsten heraus zu versuchen,

würde definitiv schiefgehen.

top of styria

:

Frau Professor

Neuper, ich spreche Sie jetzt

weniger als Rektorin, sondern

in Ihrer eigentlichen Profes­

sion als Psychologin an: Ist

die Angst gegenüber Heraus-

forderungen ohnehin schon in

der Amygdala oder sonst ei-

nem Gehirnareal determiniert

– ist alles schon von vorneher-

ein entschieden, bevor wir über-

haupt zu denken beginnen?

Neuper:

Selbstverständlich

kann man sagen, Angst ent-

steht im Gehirn, und man

darf auch nicht vergessen,

dass Angst sehr wohl eine bio-

logische Funktion hat. Angst­

reaktionen ermöglichen uns,

auf bedrohliche Situationen

rasch zu reagieren. Wir ken-

nen das alle, wenn der Körper

sozusagen in einen Alarmzu-

stand versetzt wird und wir

uns „mobil machen“. Schwie-

riger wird es, wenn man

schaut, was die angstauslö-

senden Situationen eigentlich

sind, wie Situationen bewertet

werden. Wenn eine bestimmte

Situation wirklich unmittel-

bar bedrohlich ist, muss ich

sofort mit Flucht oder Selbst-

schutz reagieren. Es gibt aber

auch Situationen, die nicht so

bedrohlich sind, die ich aber

lähmend wahrnehme. Bei die-

sen haben wir in der Erzie-

hung und der Bildung durch-

aus Möglichkeiten, einzugrei-

fen und Menschen darauf vor-

zubereiten. Was die Sache

komplex macht, ist, dass Men-

schen sehr unterschiedlich re-

agieren. Es gibt Personen, die

angstauslösende Situationen

am liebsten negieren, so ge-

nannte Vermeider. Sie wür-

den zum Beispiel beunruhi-

genden Nachrichtenkonsum

eher reduzieren. Und es gibt

Personen, die sich mit solchen

Situationen lieber ganz gezielt

auseinandersetzen. Wir spre-

chen hier von

sensation seeker.

Sie brauchen möglichst viel

Informationfür ihre Strategie.

Wichtig wäre aus meiner Sicht,

dass wir nicht nur Bedro-

hungsszenarien bringen, son-

dern auch Handlungsmög-

lichkeiten sehen. Das ist ein

wesentlicher Punkt, subjektiv

die Kontrolle, die Steuerung

zu bewahren. Denn wenn ich

die nicht mehr sehe, dann ist

Angst sozusagen der Begleiter.

top of styria:

Nachdem das

jetzt mehrfach gekommen ist:

Sind die Medien schuld?

Knill:

Heute ist jeder Krieg

im TV und damit quasi fast

im Haus angekommen. Al-

les ist omnipräsent. Das rich-

tig einzuordnen – was ist kon-

kret Bedrohung für mich, was

heißt das für mich –, das zu

filtern, zu analysieren und da-

raus Schlüsse zu ziehen, ist

schwierig. Ich gebe den Me-

dien keine Schuld – wir sind

in einer globalisierten, ver-

Fotos: Harry Schiffer

„Unterstützen, dass die Angst nicht lähmend

wirkt, sondern ein Auslöser für neue Erfin­

dungen, neue Entwicklungen wird.“

Moderator Martin Novak, Gerhild Herrgesell, Christian

Buchmann, Christa Neuper, Georg Knill (von links)

„Die aktuelle emotionale Lage deckt sich nicht

mit der Wirklichkeit, mit den Fakten.“