D
ISKURS
schon, dass alle immer die
Ro t we i ß r o t k a r t e n -Me n -
schen wollen, die hochqua-
lifiziert sind, bestens ausge-
bildet, mit Eigentumshinter-
grund. Das wird aber so nicht
funktionieren. Dann ist eben
die Frage, welche Instrumen-
te haben wir in der Qualifizie-
rung, im kulturellen Fitness-
programm, um die Leute, die
zu uns kommen, auch für die
Gesellschaft zu gewinnen, so
dass sie die Steiermark wirk-
lich auch als Heimat ansehen,
da leben wollen, die Spra-
che lernen, hier arbeiten wol-
len? Das wären Fragen – und
das kann man offensiv an-
gehen oder man kann versu-
chen, das zu verdrängen. Ich
glaube, dass Verdrängen der
falsche Weg ist, wenn auch
menschlich verständlich.
top of styria:
Frau Professor
Neuper, wir haben vorhin an-
gesprochen, dass Vieles un-
bewusst stattfindet, nicht er-
kennbar ist. Es gibt aber doch
eine Wechselwirkung zwischen
Kognition und Emotion, in bei-
de Richtungen – und es ist das
Wort Bildung gefallen: Kann
man Bildung auch als Be-
wusstseinsbildung interpretie-
ren, nicht nur als Wissen?
Neuper:
Das ist absolut rich-
tig. Ich sehe das auch dar-
an, was an den Universitäten
passiert. Die großen Heraus-
forderungen – ob es jetzt um
Migrationsströme geht, um
das Zusammenleben in einer
vielfältigen Gesellschaft, bis
hin zum Klimawandel – da-
mit beschäftigen wir uns an
der Universität intensiv. Ei-
nerseits vermitteln wir im
Studium das Wissen über
Sachverhalte. Aber natürlich
binden wir die Studierenden
beim Finden von Lösungs-
möglichkeiten auch ein, gera-
de auch interdisziplinär. Ein
kleines Beispiel ist etwa das
Doktorats-Kolleg zum The-
ma Klimawandel: Physiker,
Chemiker, Geowissenschaf-
ter – aber auch die Philoso-
phie – beteiligen sich daran.
Da geht es etwa um Klimage-
rechtigkeit, die wirtschaft-
lichen Folgen werden abge-
schätzt, berechnet, um mög-
liche Schwellwerte zu finden.
20 Studierende, die aus der
ganzen Welt kommen, brin-
gen ihre Perspektiven ein, ar-
beiten konstruktiv zusam-
men. Das bewirkt etwas – auf
allen Ebenen, auch emoti-
onal. Diesen Ansatz versu-
chen wir in den unterschied-
lichen Studien und Program-
men, vom Bachelor über den
Master bis zum Doktorat,
umzusetzen. Ähnliches ver-
suchen wir auch in Veran-
staltungen – etwa der
Mon-
tags-Akademie
: Eine Vorle-
sung wird in der Aula gehal-
ten und an viele Außenstel-
len übertragen – und man
kann sich dabei einbringen.
Wir haben mittlerweile über
90.000 Hörerinnen und Hö-
rer hier gehabt. Bei diesem
Echo sieht man schon, dass
Bedarf und Interesse an die-
sen
wissenschaftlichen
Infor-
mationen sehr groß sind. Da
sehen wir unsere Rolle nicht
nur in der Vermittlung von
Wissen, sondern auch darin,
mit den Menschen zu spre-
chen, Fragen zu beantwor-
ten, zu diskutieren – und da-
mit eine entsprechende Ori-
entierung zu geben. Ein An-
spruch, den wir nicht haben,
ist, nur den
einen
Weg zu zei-
gen. Das kann eine Universi-
tät nicht leisten. Da wird es
immer Komplexität geben.
Aber sie möglichst für die Ge-
sellschaft aufzubereiten, das
sehe ich auch als wesentliche
Aufgabe der Universität.
top of styria:
Zum Schluss
ein Zitat des Soziologen Hans
Bude: „Wer von Angst getrieben
ist, vermeidet das Unangeneh-
me, verleugnet die Wirklichkeit
und verpasst das Mögliche.
“
Herrgesell:
Angst lähmt. Das
stimmt. Aber ich stimme Bude
nicht voll zu: Weil Angst ja
auch für das Leben notwen-
dig ist. Wir können gar nicht
angstfrei leben. Angst kann
auch Positives bewirken. Nur
darf man sich nicht davon
lähmen lassen. Die Angst
darf nicht uns beherrschen.
Wir müssen – glaube ich – so
weit kommen, dass wir sagen:
Okay, es gibt eine Angst. Wo
kommt sie her? Wie gehe ich
damit um? Ich kann sie nicht
wegleugnen und ich brauche
sie auch manchmal. Wenn ich
zu einem Abgrund hinginge
und hätte keine Angst, wür-
de ich wahrscheinlich hinun-
terfallen.
Knill:
Im unternehmerischen
Handeln würde ich sagen: Ri-
siken beurteilen, nach Risi-
ken entscheiden und nicht
von Angst leiten lassen. Ich
unterscheide sehr wohl zwi-
schen Risiken und Ängsten.
Risiken gehen in die Zukunft,
das
impliziert
Abschät-
zung. Garantie gibt es für gar
nichts. Aber das ist unterneh-
merisches Tun: In einer ab-
schätzbaren Art und Weise
Risiko eingehen. Ich würde
mich nicht von Angst treiben
lassen. Angst ist ein schlech-
ter Begleiter.
Neuper:
Ich glaube, man
braucht eine breite Grundla-
ge an Wissen und Informati-
onen, auch wenn wir vorhin
gesagt haben, Wissen oder
Fakten allein sind nicht aus-
reichend. Eine Wissensbasis
– auch über Geschichte und
Entwicklung – muss da sein.
Aus der Geschichte kann man
sehr viel lernen, auch um
Chancen ergreifen zu können.
Aus der Erkenntnis Möglich-
keiten finden, kreative Ein-
fälle entwickeln, dabei soll-
ten wir die Jugend wesentlich
mehr unterstützen. Da ist un-
ser Bildungssystem schon zu
hinterfragen, wieweit tat-
sächlich unterstützt wird,
dass man Chancen erkennt,
kreativ reagiert.
Buchmann:
Ich schließe mich
dem an. Die große Chance
liegt darin, dass wir uns als
lernende Region verstehen –
in der Steiermark, in Öster-
reich, in Europa, auf der gan-
zen Welt –, dass wir einen Er-
kenntnisgewinn aus der Ge-
schichte mitnehmen. Dass es
uns meiner Meinung nach so
schwerfällt, Erkenntnisse der
Vergangenheit zu transfor-
mieren, liegt an dieser lan-
gen Epoche des linearen Auf-
stiegs. Wir haben seit dem 2.
Weltkrieg die Freiheitsgra-
de des Individuums perma-
nent erweitert, hatten einen
wirtschaftlichen und ökono-
mischen Aufstieg der Super-
lative. Seit 2008 spüren wir
auf einmal Rückschläge. Da-
mit können wir nicht gut um-
gehen. Und die Frage ist: Was
können wir aus dem, was sich
über die letzten Jahrhunder-
te entwickelt hat, lernen?
To
be on top
bleibt unser Job.
#
Das Gespräch fand am 17. Ok-
tober 2016 im Kunsthaus
Graz statt. Es moderierten
Martin Novak und Ursula
Jungmeier-Scholz.
„Die große Chance liegt darin, dass wir
uns als lernende Region verstehen – in der
Steiermark, in Österreich, in Europa, auf
der ganzen Welt.“
16 top
of
styria
2016




