Previous Page  10 / 64 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 10 / 64 Next Page
Page Background

D

ISKURS

10 top

of

styria

2016

„Angst ist ein

schlechter

Begleiter“

WIRTSCHAFTSGESPRÄCH

top of styria:

Herr Landesrat,

Franklin D. Roosevelt hat wäh-

rend des 2. Weltkriegs – in ei-

ner tatsächlich sehr dramati-

schen Zeit – gesagt: „Das Ein-

zige, wovor man sich fürch-

ten muss, ist die Furcht selbst.“

Heute hat man das Gefühl,

dass Furcht jenseits rationa-

ler und vernünftiger Ängste zu

einem Zeitphänomen gewor-

den ist. Wie kann man da über-

haupt noch Politik machen?

Buchmann:

Ich erlebe das bei

Betriebsbesuchen: Wir haben

momentan eine Situation der

Unsicherheit.

Unternehmer

sind zwar kraft Definiti-

on schon in der Lage, bei

Unsicherheit

zu

entschei-

den. Aber sie tun sich leich-

ter, wenn sie bestimmte Ein-

trittswahrscheinlichkeiten

angeben können. Momentan

ist es bei vielen Entscheidun-

gen aber ungeheuer schwie-

rig geworden, Eintrittswahr-

scheinlichkeiten zu benennen

und damit das Risiko einzu-

grenzen, bewältigbar zu ma-

chen. Das gilt in letzter Konse-

quenz nicht nur für die Wirt-

schaft und die Unternehmun-

gen, das gilt auch für jeden

Einzelnen. In einer komple-

xen Welt sind einfache Ant-

worten schwer zu geben. Und:

Jene, die einfache Antwor-

ten haben, brauchen sie nicht

zu verantworten. Jene, die in

komplexen Zusammenhängen

Entscheidungen treffen müs-

sen – Politiker, Unternehmer,

Hochschulen, Kirchen –, müs-

sen das Komplexe, glaube ich,

besser erklären. Das schaffen

oder machen wir momentan

nur unzureichend. Wenn man

etwa CETA oder TTIP ratio-

nal betrachtet, kann man nur

für Außenhandel, für interna-

tionale Wirtschaftsbeziehun-

gen sein. Obwohl wir in ei-

ner Region leben, wo mehr als

die Hälfte der Wertschöpfung

und jeder zweite Arbeitsplatz

aus den Außenwirtschaftsbe-

ziehungen kommen, gibt es

sehr viele, die damit nichts

anfangen können, dagegen

sind und emotional sehr mas-

siv dagegen auftreten. Mein

Befund ist also: Die Welt ist

komplex. Einfache Antworten

werden gewünscht, sind aber

sehr schwer zu geben.

top of styria:

Frau Herrgesell,

Sie sind ja in Ihrem Bereich

auch für Entwicklung zustän-

dig. Ein Finanzmathematiker,

Nassim Taleb, hat geschrie-

ben, hätte jemand rechtzeitig

die amerikanischen Verkehrs-

flugzeuge mit einbruchsiche-

ren Türen versorgt, dann wäre

9/11 nicht passiert. Aber er hät-

te wahrscheinlich Prügel be-

kommen, weil die Flugticket-

preise gestiegen wären. Ist es

überhaupt denkbar, dass man

rechtzeitig, bevor Gefahren als

solche wahrgenommen werden,

die richtigen Dinge tun kann?

Herrgesell:

Ich bin in mei-

nem Bereich für die Zukunft

der evangelischen Kirchen in

Österreich zuständig und be-

schäftige mich mit solchen

Fragen, wie den angesproche-

nen. Sozusagen: Welche Türen

könnten wir jetzt einbauen? Es

gibt die Angst – auch bei uns

in der Kirche: Vielleicht gibt

es 2030 gar keine große Kir-

che mehr in Europa … Ich sehe

aber sehr wohl, dass es Wege

gibt, um dem entgegenzusteu-

ern und die Angst zu nehmen.

Ein Beispiel: Ich war 2007 bei

der ökumenischen Versamm-

lung in Sibiu in Rumänien. Da-

mals war es dort total depres-

siv. Die evangelischen Kirchen

sind am Boden gelegen. Ext-

rem viele Intellektuelle sind in

den Westen gegangen. Schulen

mussten geschlossen werden.

Niemand wusste, wie es wei-

tergeht. Heuer hatte ich wieder

Kontakt. Dort sind unglaubli-

che Phänomene passiert: Ers-

tens sind wieder welche zu-

rückgekommen. Zweitens ha-

ben sich Betriebe angesiedelt,

auch aus dem Westen. Dort

sind wieder Menschen hinge-

zogen. Drittens haben politi-

sche Gruppen erkannt, dass

unsere Kirchenburgen dort ein

Fremdenverkehrsfaktor sind,

und haben staatliches Geld in

die Hand genommen und an-

gefangen, Kirchen zu renovie-

ren. Jetzt fängt die evangeli-

sche Kirche in Siebenbürgen

wieder an zu leben. Das hätte

sich 2007 keinMensch gedacht.

top of styria:

Folgendes Zitat

ist bekannt, nehme ich an: „Wir

leben in einer schnelllebigen

Zeit, alles geht immer schnel-

ler, man kann fast nicht mehr

mit diesen vielen Informatio-

nen Schritt halten“, hat dein

Ur-, Ur-, Urgroßvater Mitte des

19. Jahrhunderts gesagt, Georg.

Diese Beklemmnis, dieses Ban-

gesein scheint nicht nur ein ak-

tuelles Phänomen zu sein, son-

dern immer wiederzukom-

men. Dein Unternehmen hat

es immer wieder überwinden

müssen. Wie schafft man das?

Kannst du das aus eigener Er-

fahrung beantworten?

Knill:

Wenn du zwölf Generati-

onen Unternehmensgeschich­

te ansprichst, dann war das

Einzige, das immer Bestand

hatte, die Veränderung. Jede

Generation hat sich damit aus-

Christian Buchmann,

Landesrat f. Wirtschaft, Tou-

rismus, Europa und Kultur

Gerhild Herrgesell, Oberkir-

chenrätin f. Kirchenentwick-

lung, Evangelische Kirche Ö.

Georg Knill, Knill Gruppe und

Präsident der Industriellen-

vereinigung Steiermark

Christa Neuper, Rektorin der

Universität Graz und

habilitierte Psychologin