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styria

2016

„Es sind schon etliche ansonsten begabte

Unternehmensleitungen gescheitert, weil sie

eben meinten, Zukunft könne in einen freien

Experimentierraum gestellt werden.“

Dr. Thomas Krautzer über-

nimmt mit 1. März 2017 die

Professur für wirtschaftliche

Standortfragen und strate-

gische Regionalentwicklung

an der Universität Graz. Ein

Schwerpunkt ist Unterneh-

mensgeschichte.

Ein beliebter Satz, gerade im

Umfeld der Wirtschaft, lautet

etwa so: „Ich will mich nicht

um die Vergangenheit küm-

mern, mich interessiert aus-

schließlich die Zukunft!“

Tatsächlich gibt es kaum ei-

nen Sektor, der sich so inten-

siv und ausführlich mit Zei-

ten auseinandersetzt, die vor

uns liegen, wie Unterneh-

mungen. Das fängt bei diffi-

zilen strategischen Prozes-

sen an, die für Jahre voraus

versuchen, einen Weg festzu-

legen, und hört bei den rol-

lierenden Forecasts im Rech-

nungswesen auf, die für die

konkrete Unternehmenssteu-

erung unerlässlich sind. Was

hat also das Vergangene, die

Geschichte, mit Wirtschaft

zu tun, außer dass man drin-

gend eine Festschrift für ein

Jubiläum benötigt?

Raster

Da kommt man schnell zur

wichtigsten Funktion, die

Vergangenheit auch für das

individuelle Leben besitzt,

nämlich durch Erfahrung ei-

nen Raster für möglichst si-

chere Entscheidungen zu bie-

ten. Man stelle sich eine Per-

son vor, die durch einen Un-

fall alle Fähigkeiten behalten,

aber das Gedächtnis völlig

verloren hätte. Der Mensch

wäre sozial und physisch

handlungsunfähig und müss-

te sein Leben wie ein Säugling

neu aufbauen. Ob es gilt, ein

Glas mit der richtigen Stärke

zu halten, nicht auf die Herd-

platte zu greifen, mit dem

Umfeld zu kommunizieren

oder gar eine Straße sicher zu

überqueren – alle diese Leis-

tungen basieren auf implizi-

ten historischen Erkenntnis-

sen und der daraus resultie-

renden Lernkurve.

Was aber für ein Individu-

um rasch einsichtig ist, gilt

in komplexerer Form auch

für erweiterte soziale Gebil-

de wie Unternehmungen oder

die Gesellschaft insgesamt.

„Wissenstransfer“ nennt man

dann dieses Phänomen in der

Management-Literatur, oder

man spricht von „lernender

Organisation“. Wie ein Un-

ternehmen tickt (= Unterneh-

menskultur), ist letztlich das

Ergebnis seiner individuellen

Geschichte.

Wenn ich hier steuernd ein-

greifen möchte, dann ist es

unerlässlich, Wissen und

Bewusstsein über diese Ge-

schichte zu haben. Ignoranz

(mich interessiert nur die Zu-

kunft ...) führt da ziemlich si-

cher zu groben Problemen, ja

es sind schon etliche ansons-

ten begabte Unternehmens-

leitungen gescheitert, weil sie

eben meinten, Zukunft kön-

ne in einen freien Experimen-

tierraum gestellt werden, an-

statt anzuerkennen, dass der

Baum Zukunft aus den Wur-

zeln der Vergangenheit ge-

nährt wird.

So gesehen mag es der „schöp-

ferische Zerstörer“ (= Unter-

nehmer, © Joseph Schumpe-

ter) für seine Visionen als läs-

tig empfinden, dass Zukunft

immer fest in der Vergangen-

heit wurzelt, aber es hat auch

niemand behauptet, dass das

Leben einfach wäre.

Wirkungsprüfung

Ein weiterer unerlässlicher

Dienst, den die Vergangen-

heit leistet, ist, ein Muster

über Ursache und Wirkung

in Prozessen nachzuvollzie-

hen, oder einfacher gesagt,

die empirische Grundlage da-

für zu liefern, ob etwas funk-

tioniert oder nicht.

Jedes in die Zukunft gerich-

tete Handeln folgt letztlich

einer Annahme, einem Plan,

einer Theorie oder gar einer

Ideologie (die sich von der

Theorie vor allem darin un-

terscheidet, dass sie in den

Augen der Anhängerschaft –

weil Glaubensfrage – immer

funktioniert, auch wenn jede

Empirie dagegen spricht).

Bevor man sich auf den Weg

macht, wäre jedenfalls ein

umfassendes Wissen um Vor-

gänge in der Vergangenheit

von großem Wert. Ein klei-

nes Beispiel aus dem Leben:

Man kann annehmen, dass

so mancher die Theorie von

der Steigerung des Glücks

mittels außerehelichen Sei-

tensprungs (natürlich unter

Aufrechterhaltung der bishe-

rigen Beziehung!) in stillen

Stunden entwickelt hat und

sich dabei sehr innovativ fin-

det. Jetzt gibt es zwei Mög-

lichkeiten: Erstens, man ge-

horcht seiner theoretischen

Intuition, geht sofort ohne

weitere Reflexion in die Pra-

xisphase und schaut ein-

mal, was herauskommt. Man

könnte sich aber auch fra-

gen, ob schon andere mit ei-

ner ähnlichen Theorie unter-

wegs waren, und untersucht,

in welcher Form das Lebens-

glück der Probanden in der

Folge gesteigert wurde. Dann

kann man ja immer noch zur

Tat schreiten. Es gibt übri-

gens Menschen, die in so ei-

nem Fall nicht einmal ihre ei-

gene historische Erfahrung

zu Rate ziehen!

Analyse

Was privat aber Privatsa-

che ist, wäre im betrieblichen

oder

standortstrategischen

Vergangenheit für

die Zukunft

nutzen

THOMAS KRAUTZER

Foto: Helmut Lunghammer