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2016
„Das Leben wird transnational.“
Mag.
a
Daniela Grabovac ist
Juristin, leitet seit 2012 die
Antidiskriminierungsstel-
le Steiermark, ist Lehrbeauf-
tragte an der Rechtswissen-
schaftlichen Fakultät und
Menschenrechtspreisträgerin
der Stadt Graz.
Visionen haben etwas Un-
vollendetes, Träumerisches –
und doch sind es gerade Zu-
kunftsvisionen, die Gesell-
schaften prägten und/oder
veränderten. Etymologisch
bedeutet Vision „etwas se-
hen, das nicht tatsächlich
existiert“, oder „etwas sehen,
das in der Zukunft entstehen
könnte“. Gerade diese Tatsa-
che ist es, die große Denke-
rinnen und Denker hervor-
brachte, die Revolutionäres
sahen und entstehen ließen.
Was wäre die Welt ohne So
krates, Aristoteles und Platon
und ohne Vordenker der Auf-
klärung – Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit, Toleranz und
Humanität? Was ist nun mei-
ne Vision im Hinblick auf Mi-
gration und Integration?
Wir befinden uns in einer
sich rasant weiterentwickeln-
den und verändernden Welt
und Gesellschaft: Die Inter-
nationalisierung vieler Be-
reiche dieser Welt führt dazu,
dass auch international ge-
dacht und geplant werden
muss. Die Internationalisie-
rung führt natürlich auch
dazu, dass bestimmte Prob-
leme ebenfalls „global“ sind,
vielfach und weltweit zusam-
menhängen. Die Abhängig-
keit von Staaten und Konti-
nenten ist wechselseitig ge-
worden. Das Zitat „Fällt in
China ein Sack Reis um …“ –
gemeint als scherzhafte Meta-
pher für die Bedeutungslosig-
keit eines Ereignisses – wird
wohl an Bedeutung verlieren;
denn es muss uns sehr wohl
interessieren, was woanders
passiert, da die Auswirkun-
gen von Ereignissen am einen
Ende der Welt auch am ande-
ren Ende spürbar sind.
Gerade die Themen Migrati-
on und Asyl führten uns im
Jahr 2015 vor Augen, wel-
che globalen Auswirkungen
Krieg und Armut haben und
wie sehr diese Auswirkungen
auch Europa und letztendlich
uns alle betreffen.
Die Zuwanderung aus dem
Ausland nach Österreich be-
trug im Jahr 2015 214.410
Personen. Aus älteren Statis-
tiken weiß man, dass knapp
die Hälfte der Zuwanderin-
nen und Zuwanderer (48,2
Prozent) innerhalb von fünf
Jahren wieder fortzieht, wäh-
rend 51,8 Prozent fünf Jah-
re oder länger in Österreich
bleiben.
Die Haltungen zu den The-
men Migration, Integration
und Asyl spalten die Gesell-
schaft und es scheint, als
habe die Politik keine Ant-
worten und schon gar keine
Vision parat, um mit diesen
Themen adäquat umzugehen.
Verschärfungen des Asyl-
und Fremdenrechtes, der Ein-
reisebedingungen und die
Einführung von Höchstquo-
ten begleiten seit mindestens
15 Jahren die Diskussion um
die Frage nach einer geregel-
ten Zuwanderung nach Ös-
terreich.
Der Begriff Migration scheint
auf einer Seite als unverdäch-
tiger und neutraler Begriff,
wenn man sich auf die ein-
fache Übersetzung aus dem
Lateinischen beschränkt, wo
migrare „wandern“ bedeu-
tet. Doch auf der anderen Sei-
te ist dieser Begriff mittler-
weile alles andere als neutral:
So schreibt Gültekin Neval
1
treffsicher, dass „Migration
fast immer ein Armutszeug-
nis“ ist und begriffen wird
als Wanderung von sozial
schwächer gestellten Perso-
nen, meist nicht frei gewählt.
Im Gegensatz dazu steht Mo-
bilität: Mit ihr werden in po-
sitiver Hervorhebung Frei-
heit undWohlstand assoziiert
und sie wertet den Lebenslauf
einer jeden Bewerberin und
eines jeden Bewerbers bei der
Stellensuche qualitativ auf.
Derzeit erleben wir zwei kon-
trär verlaufende Entwicklun-
gen: Zunächst die national
verlaufende, die ein Rückbe-
sinnen auf das eigene Land,
die eigene Stadt, das eigene
Dorf, die eigene Kultur und
die eigenen Werte forciert
und damit eine Internationa-
lisierung und Zusammenar-
beit zwischen verschiedenen
Ländern hintanstellt. Der
Blick aufs große Ganze, auf
die Welt fehlt. Dadurch er-
hofft man sich eine Vereinfa-
chung der komplexen Proble-
me. Abschottungstendenzen
führen zu strengeren Aufla-
gen für Fremde – Migration
wird fast unmöglich gemacht.
Wenn überhaupt, dann er-
hofft man sich die Zuwande-
rung hochqualifizierter Men-
schen aus dem Ausland. Ge-
rade diese bleibt jedoch aus,
da das gesellschaftliche und
politische Klima in Öster-
reich wenig einladend ist und
auch die bürokratischen Hür-
den für qualifizierte Zuwan-
derinnen und Zuwanderer
sehr hoch sind. Die Folge die-
ser nationalstaatlich orien-
tierten Entwicklungen, Ab-
schottungstendenzen
und
Verschärfungen von Regula-
tionsgesetzen zur Migration
beschreibt Prof. Nigel Harris
2
am Beispiel Nordamerika-
Mexiko sehr treffend: „Wenn
Nordamerika meint, mit ein-
seitiger Arbeitsmarktpolitik
Migrantinnen und Migran-
ten aus Mexiko zu stoppen,
dann vergisst man, dass man
damit irregulärer Migration,
Menschenhandel und Aus-
beutung Tür und Tor öffnet.“
Zweitens: Die international-
global verlaufende und zu-
Zukunftsvisionen zu Migration
und
Integration
DANIELA GRABOVAC
Foto: Dani Gefas




