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styria 21

2016

Z

UKUNFT

„Standortstrategien verbleiben rudimentär,

fehlerhaft, spiegeln oft genug nur Wunsch

und nicht Möglichkeit wider. “

Fall schlicht fahrlässig, näm-

lich aufgrund unterlassener

Prüfung der Wirkung bisheri-

ger Strategien teure und ver-

zichtbare Fehler zu wiederho-

len. Was jetzt fast als Selbst-

verständlichkeit klingt, ist in

der Praxis nicht immer so:

Zeitmangel, Ignoranz, man-

gelnde Prozesskenntnis, per-

sönliche Befindlichkeit oder

im schlimmsten Fall ideolo-

gische Beschränkung führen

dazu, ähnliche Fehler immer

wieder zu begehen.

An dieser Stelle eine War-

nung!

Genauso

schlecht,

Lehren aus der Vergangen-

heit nicht zu ziehen, wäre

der Analogieschluss: Wenn

es einmal funktioniert hat,

funktioniert es immer. Die

einfache Extrapolation lau-

fender Abläufe in die (in

Wirklichkeit von Brüchen do-

minierte) Zukunft ist leider

immer noch ein ebenso be-

liebtes wie untaugliches Mit-

tel der Strategiebildung.

Objektivierung

Vergangenheit für Zukunft

einzusetzen benötigt aber

noch weitere Überlegungen.

Erstens das Phänomen der

Dominanz der persönlichen

Erfahrung. Wenn man beob-

achtet, wie selten tatsächlich

aus der Geschichte gelernt

wird, fragt man sich, was

geht dabei schief? Die Ant-

wort lautet: Beim Menschen

dominiert immer das Wissen

aus der persönlichen Erfah-

rung über das abstrakte, so-

zial überlieferte Wissen (grei-

fe ich nicht auf die Herdplat-

te, weil Mama „Heiß!“ gesagt

hat, oder weil ich mich ein-

mal verbrannt habe?).

Es war beispielsweise eine er-

staunliche Erfahrung zu be-

obachten, wie im wirtschaft-

lichen Krisenjahr 2009 jene

(meist älteren) Unterneh-

mensleitungen, die bereits

in früheren Jahren schwe-

re Turbulenzen in Betrieben

durchgemacht hatten, Opti­

mismus und kühlen Kopf

bewahren konnten, wäh-

rend die anderen einigerma-

ßen außer Tritt gerieten. Es

macht schon Sinn, wenn den

Jungen rechtzeitig ein Raum

gegeben wird, wo sie sich „die

Hörner abstoßen" können,

ohne gleich gröberen Scha-

den anzurichten. Manage­

mentseminare reichen da

nicht. Aber wer will dafür

Zeit und Geld investieren? Al-

lerdings wäre es wohl gut in-

vestiertes Geld.

Schließlich gibt es noch

den Schlüsselsatz schlecht-

hin: Wie halte ich es mit der

„Wahrheit“? Bemüht man sich

um eine möglichst objektive

und schonungslose Analyse

oder schönt man lieber, um

besser dazustehen? Die Ver-

gangenheit ist diesbezüglich

unendlich geduldig und die

Zukunft noch nicht bewiesen.

Wir Individuen sind für Ma-

nipulation und Schönfärbe-

rei gleichermaßen anfällig

wie Unternehmen und Staa-

ten. Wer will denn schon die

Geschichte, die er über sich

erzählt, also letztlich seine

Persönlichkeit und sein Ver-

mächtnis, schlecht dastehen

lassen, Fehler zugeben? Aber

ohne diese Analyse ist ein

besserer Weg für die Zukunft

geradezu ausgeschlossen.

Umso mehr wundert man

sich, wie wenig Interesse

manchmal herrscht, mög-

lichst objektives Wissen wirk-

lich zu generieren. Am auffäl-

ligsten ist dies bei Standort-

fragen, die ja engstens mit

der Politik verflochten sind.

Es gibt dort kaum eine Kultur

der öffentlichen Diskussion

von Fehlern und Schwächen

seitens der Regierenden. Aber

es gibt auch keine Kultur der

Opposition, solche Analysen

aus dem politischen Wett-

streit im Sinne einer besse-

ren Zukunftsgestaltung her-

auszunehmen. Standortstra-

tegien verbleiben rudimentär,

fehlerhaft, spiegeln oft genug

nur Wunsch und nicht Mög-

lichkeit wider und so manche

Region wundert sich dann,

warum nichts weitergeht.

Man hat eben verabsäumt,

die Vergangenheit für die Zu-

kunft zu nutzen.

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Illustration: Constantin Luser: Rotationsquintett, 2006 | Foto: Manuel Carreon Lopez (Ausschnitt)