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styria 55

2016

R

OLLEN

„Jede Meinung wird oft im guten Glauben als

absolute Wahrheit verkauft.“

Fotos: Pia Adlassnig

„Eine

absolute

Wahrheit

kann es nicht geben“

MARTIN NOVAK

„Eine absolute Wahrheit, wel-

che für alle Menschen gleich

wäre und insofern keinerlei

Beziehung zur Individualität

hätte, kann es für uns Sterbli-

che nicht geben.“

Diese großen

Worte stammen aus einem

Vortrag der Philosophin Han-

nah Arendt, den sie 1954, also

vor über 60 Jahren, an der

Universität von Notre Dame

hielt. Veröffentlicht wurde er

erst 1990.

Die großen Worte der bedeu-

tenden Philosophin sind heu-

te höchst aktuell, auch im

Kleineren. Jede Meinung (ob

mehr oder weniger gut be-

gründet) wird oft im guten

Glauben als absolute Wahr-

heit verkauft.

Großkalibrige Worthülsen

Es geht um das Verkaufen der

besseren Wahrheit. Überzeu-

gungstäter und gut honorier-

te Söldner stehen in ideolo-

gischen und interessenpoli-

tischen Schützengräben, be-

waffnet mit nur wenig über-

arbeiteten Fakten, emotiona-

len Appellen und großkalibri-

gen Worthülsen.

Schlachtfelder sind klassische

und soziale Medien. Wer ge-

winnen will, darf nicht viel

nachdenken. Beim leisesten

Rascheln im kommunikativen

Unterholz wird aus allen Roh-

ren auf unsichtbare Ziele ge-

feuert. Dialog wird da schwie-

rig. Niemandwill einen Schritt

zurücktreten und auch nur

vermuten, dass der Andere,

der Gegner, in einigen Punk-

ten auch Recht haben könnte,

dass seine Überlegungen zu-

mindest überlegenswert sind –

und er zumindest lautere Mo-

tive haben könnte, etwas an-

ders zu sehen.

Aber muss das so sein? Gibt es

keinen Ausweg?

Mario Lug-

ger,

Chefredakteur der

Steiri-

schen Wirtschaft,

hat den An-

stoß für ein Experiment ge-

geben. Wir haben Menschen,

die für bestimmte Positionen

stehen und sie auch vertreten,

gebeten, aus ihrer jeweiligen

Rolle herauszutreten und in

einem Dialog genau das zu

tun, was so schwerfällt, näm-

lich die Position des Anderen

einzunehmen.

Rollentausch

Was wir nicht zu hoffen wag-

ten, geschah. Es haben sich

tatsächlich Menschen gefun-

den, die sich darauf einlie-

ßen: Die Bioladen-Pionierin

Ushij Matzer hat die Vorteile

einer globalen Wirtschaft be-

nannt, ihr Gesprächspartner

Manfred Kainz, Gründer und

Geschäftsführer des Automo-

tive-Unternehmens

TCM In-

ternational,

die Regionalität

vertreten.

Verena Ennemoser, Leiterin

der Grazer Bau- und Anlagen­

behörde, und Immobilienun-

ternehmer Gerald Gollenz,

auch Obmann der Immobili-

en- und Vermögenstreuhän-

der in der WKO Steiermark,

haben die festgelegten Rollen

in einem Gespräch über den

Sinn und Unsinn von Büro-

kratie getauscht.

Last but not least haben sich

Karl Schneeberger, Leiter

der Abteilung Arbeitnehmer-

schutz in der AK Steiermark,

und Ewald Verhounig, Leiter

des Institutes für Wirtschafts-

und Standortentwicklung der

WKO Steiermark, über Ar-

beitszeitflexibilisierung nicht

nur ausgetauscht, sondern

auch ein wenig die Rollen ge-

tauscht.

Danke.

Fortsetzung folgt

Die Gespräche finden Sie auf

den folgenden Seiten. Dan-

ke für den Mut, dieses Expe-

riment mit ungewissem Aus-

gang zu wagen. Es wird in der

Steirischen Wirtschaft

fortge-

setzt.

#

Matzer, Kainz

Ennemoser, Gollenz

mit Zuhörer

Verhounig, Schneeberger