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OLLEN
58 top
of
styria
2016
Bürokratie: Ich darf mir
ja was
wünschen
VERENA ENNEMOSER + GERALD GOLLENZ
Mag. Verena Ennemoser ist
Leiterin der Bau- und Anla-
genbehörde der Stadt Graz.
Gerald Gollenz ist
Immobilienentwickler und
Obmann der Fachgruppe Im-
mobilien- und Vermögens
treuhänder in der WKO Stei-
ermark sowie stv. Obmann
im Fachverband.
Verena Ennemoser:
Als Im-
mobilienentwickler würde ich
Grundstücke aussuchen, die
nicht so schwer bebaubar sind,
also solche, wo etwas möglich
ist. Viele suchen sich Grund-
stücke aus, die immer wie-
der zur Baubehörde kommen,
weil sie ungemein schwer so
zu entwickeln sind, dass eine
Dichte möglich ist, bei der
Entwickler auch etwas verdie-
nen können.
Gerald Gollenz:
Die Baube-
hörde stößt erst dann zu ei-
nem Projekt, wenn die wich-
tigsten Entscheidungen be-
reits getroffen sind. Als Leiter
der Behörde würde ich darauf
schauen, dass ich viel früher
zum Projekt stoße. Ich würde
auch darauf Wert legen, dass
das städteplanerische Leitbild
wesentlich früher auf dem
Tisch liegt, weil es bereits Vor-
gaben enthält, die es dem Bau-
träger erleichtern, Entschei-
dungen vor dem Kauf der Lie-
genschaft zu treffen. Ich hät-
te als Bauamt nichts gegen
schwierige Projekte, weil sie
einfach reizvoller sind.
Ennemoser:
Das städtepla-
nerische Leitbild wäre für
mich als Immobilienentwick-
ler bzw. Planer nicht der Ide-
alfall, weil ich mich zu früh
festlegen müsste. Das wäre
eine Normenüberflutung, die
mich komplett einschränkt
und mir zu einem späteren
Zeitpunkt eigentlich keinen
Spielraum lässt.
Gollenz:
Als Behörde hätte ich
mir Wien zum Vorbild genom-
men. Dort gibt es ein Plando-
kument, in dem zu 90 Prozent
alles enthalten ist, was der Ei-
gentümer wissen muss. Damit
gibt es Rechtssicherheit. Wenn
es Rechtssicherheit gibt, tue
ich mir als Behörde leichter.
Der Käufer weiß von vornhe-
rein, was geht und was nicht.
Ennemoser:
Das kann ich als
Planer schon heute machen
und hole mir eine §5-Beschei-
nigung, in der alles beschrie-
ben ist – Dichte, Grenzen etc.
– und kann dann schon vorab
alles überblicken.
top of styria:
Die einen sind
Gefangene der Regelwerke, die
die anderen nicht verstehen
können. Jeder macht also, was
er tun muss?
Ennemoser:
Die Baubehör-
de in Graz entscheidet auf
Grundlage von Gesetzen, die
von Bund oder Land kommen.
Da kann nicht viel getan wer-
den. Die Stadtplanung hätte
die Freiheit zuzulassen – sie
macht die Regelwerke selbst.
Gollenz:
Deswegen würde
ich mich als Baubehörde viel
mehr auf die Privatsachver-
ständigen verlassen.
Ennemoser:
Ich würde Druck
machen, dass diese Leute or-
dentlich ausgebildet sind, weil
es gerade im Baubereich eine
Gesetzesflut mit Normen und
OIB-Richtlinien etc. gibt, die
kaum mehr ein Architekt
überblickt. Die Baubehörde
ist dann wirklich arm, weil
sie
„
nachhelfen
”
und Nach-
besserungen einfordern muss.
Bei großen Projekten würde
ich versuchen, einen Termin
außerhalb des Amtstages mit
meinen Sachverständigen zu
finden, um das Projekt vorzu-
besprechen und der Behörde
klarzumachen, was für mich
und für die Stadt wichtig ist,
um alles gut hinzubekommen.
Gollenz:
Als Baubehörde wür-
de ich darauf achten, dass
am Amtstag alle Mitarbeiter
da sind, möglichst ohne Aus-
nahmen. Als Behörde würde
ich andererseits noch mehr
auf die Planer zugehen, um
die Normen gemeinsam aus-
zuräumen und zu versuchen,
die Baugesetze zu vereinfa-
chen. Dass es neun Baugeset-
ze gibt, werden wir im födera-
len Österreich nicht ändern.
Das Ziel muss sein, dass es im-
mer nach dem gleichen Sche-
ma abläuft. Der Planer als
Privatsachverständiger soll-
te dann auch in der Lage sein,
ein Projekt einzureichen, das
die Behörde eins zu eins über-
nehmen kann.
Ennemoser:
Das sind schöne
Wünsche …
Gollenz:
Ich darf mir ja was
wünschen.
top of styria:
Wünsche sind ja
der Anfang von Ergebnissen …
Gollenz:
Ich würde aber als
Behörde nicht davor zurück-
schrecken, falls jemand wis-
sentlich etwas falsch macht,
das auch entsprechend zu
sanktionieren.
Ennemoser:
Das tun wir. Als
Bauwerber würde ich sagen,
dass mir die Auflagen zu viel
sind. Ich hätte es gerne ein-
facher, ein einfacheres Regel-
werk, das feiner mit dem Land
abgestimmt ist. Ich würde als
Bauwerber meine Mitarbei-
ter auch mehr dazu anhalten,
für vollständige Unterlagen zu
sorgen – durch das Aktentra-
cking habe ich ja den Einblick
–, damit es schneller geht.
Gollenz:
Es dürfte gar nie pas-
sieren, dass irgendetwas fehlt,
wenn es klare Richtlinien da-
für gibt, was einzureichen ist,
ein kompletter Maßnahmen-
katalog. Vielleicht schaukeln
sich die Abteilungen ja auch
gegenseitig etwas hoch.
top of styria:
Gibt es nicht
auch Sachverständige, die eine
gewisse Lust an den komple-
xen Normen haben, die nur sie
kennen?
Ennemoser:
Das sind aber
nur wenige.
Gollenz:
Das sind dann eher
beigezogene Sachverständige
in kleinen Gemeinden.
Ennemoser:
Ich würde for-
dern – und da ist das Land am
Zug –, dass Baugesetze für den
städtischen Raum einen et-
was urbaneren Touch brau-
chen. Zum Beispiel die heran-
rückende Bebauung zwischen
Wohn- und Gewerbegebieten.




