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2016
Regional? Global?
MANFRED KAINZ + USHIJ MATZER
Manfred Kainz ist Gründer
und Geschäftsführer von TCM
International (Headquarter
in Georgsberg bei Stainz,
Service Center in Österreich,
Ungarn, Polen, Deutschland,
der Tschechischen Republik,
Luxemburg und China).
Ushij Matzer hat 1979 den
ersten und mittlerweile am
längsten bestehenden Bio-
laden Österreichs in Graz er-
öffnet. Ihre Familie betreibt
auch die „Kornwaage“ in
Graz und die „Bio-Sphäre" in
Hartberg und Gleisdorf.
Wenn ich Ihre Position
vertrete …
Ushij Matzer:
Globalisierung
ist einfach nicht mehr wegzu-
diskutieren, weil sie eine Rea-
lität ist. Aufgrund des techni-
schen Fortschritts ist die Welt
einfach zusammengewachsen
und ist sich der Tatsache be-
wusst geworden, dass sie eins
ist. Alle Wege haben sich ver-
kürzt, nicht nur die Trans-
portwege, sondern vor allem
auch die Informationswege.
Das kann man nicht mehr
rückgängig machen. Es ist
einfach eine Tatsache. Und es
eröffnet regional agierenden
Wirtschaftstreibenden auch
eine sehr große Möglichkeit,
ihre Produkte auf einem grö-
ßeren Markt anzubieten als
bisher und so auch einen wei-
teren technologischen Fort-
schritt zu erzielen.
Manfred Kainz:
Da werden
Sie natürlich Recht haben.
Aber das bedeutet, auch wenn
wir heute in einer internati-
onalen, globalen Welt leben,
sollten wir nie vergessen, wo
wir herkommen. Und damit
wir nicht vergessen, wo wir
herkommen, sollten wir mit
offenen Augen durch unsere
Regionen gehen und darauf
achten, dass wir das, was wir
hier geschaffen haben und
was uns die Natur hier gibt,
auch weiterhin bevorzugt be-
handeln. Ein Gummistiefel
muss ja nicht aus China kom-
men, wenn ich hier auch bar-
fuß gehen kann.
Das ist mein
Widerspruch …
Matzer:
Ich störe mich an
diesem Barfußgehen. Es ist
oft eine Frage der finanziel-
len Möglichkeiten: Dinge wer-
den aufgrund der Ressourcen
an einem anderen Ort günsti-
ger produziert. Und wenn der
Transport in großen Mengen
möglich ist, kann ich dann
eine Ware regional günstiger
anbieten und der Endkonsu-
ment hat auch etwas davon.
Kainz:
Nur weil Menschen
im Fernen Osten ausgebeu-
tet werden und aus diesem
Grund die Ware so güns-
tig hergestellt werden kann,
vielleicht noch mit Technolo-
gien, die wir dort hingebracht
haben, sollten wir in unse-
rer Gier nicht unbedingt da-
rauf pochen, das Günstige zu
kaufen. Wir sollten schon da-
rauf achten und daran den-
ken, dass wir hier einen an-
deren Standard haben, und
dass ein Produkt, das ich hier
kaufe, auch mehr kostet. Ich
bin vor 20 Jahren in Ungarn
in einem Gasthaus geses-
sen. Da hat mir eine Lehrerin
aus Graz erklärt, warum sie
ihre Dauerwellen in Szent-
gotthárd machen lässt – weil
der Friseur in Graz so teuer
ist. Ich habe sie gefragt, ob sie
auch in Szentgotthárd zum
Zahnarzt geht, weil der ja
auch so billig ist. Nur: Wenn
der dort nicht so billig wäre,
würden die Ungarn alle ohne
Zähne durch die Gegend lau-
fen. Man muss vergleichen.
Aber das machen die Men-
schen nicht, weil sie alles ha-
ben müssen. Wenn wir heu-
te auf unsere Region schauen
und sie achten wollen, dann
muss uns auch klar sein, dass
wir uns mit dem, was wir zur
Verfügung haben, nicht al-
les leisten können. Wir ho-
len es von weit her – der CO
2
-
Footprint zeigt ja, wohin das
führt.
Matzer:
Das ist durchaus rich-
tig, aber es gibt immer mehr
Menschen, die sich immer we-
niger leisten können. Und für
diese Menschen ist ein gewis-
ses Angebot auch zum Überle-
ben wichtig. Diese Menschen
greifen natürlich zu einem
günstigeren Produkt.
Kainz:
Wir geben heute nur
mehr zehn Prozent des Ein-
kommens für Lebensmit-
tel aus. Vor 30 Jahren haben
wir noch knapp 30 Prozent
für Lebensmittel ausgegeben.
Damit wir gut leben können,
sollten wir darauf achten. Ich
bin für den uneingeschränk-
ten Handel. Aber zumindest
die, die es sich leisten können,
sollten das kaufen, was von
uns kommt. Die Hofratswit-
we mit 8.000 Euro Pension
muss ja nicht unbedingt die
billigsten Lebensmittel von
irgendwo kaufen.
Das finde ich an Ihren Ar-
gumenten gut …
Matzer:
Es ist wichtig, dass
die regionale Wirtschaft ge-
stärkt wird, da haben Sie völ-
lig Recht. Nur wenn es mei-
nem Nachbarn gut geht, geht
es mir auch gut, das ist ein
Grundprinzip für vernünfti-
ges Wirtschaften. Wenn ich
meinen Mitarbeiter, meinen
Kunden, meinen Konkurren-
ten hineinlege, werde ich ir-
gendwann anstehen. Es ist
also vernünftig, beim Nach-
barn einzukaufen.
Für mich geht die Frage aber
ein Stück weiter: Wie kann
ich eine Ausgewogenheit zwi-
schen globaler und regiona-
ler Wirtschaft zustande brin-
gen? Das ist für mich die ent-
scheidende Frage. Ein global
agierender Betrieb ist einfach
anderen und größeren Risi-
ken ausgesetzt, weil er sich
auf einem anderen, größeren
Markt behaupten muss – ge-
genüber ganz anderen Kali-
bern. Die Frage ist, wie viel




