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styria
2016
Export
stärken
statt
über CETA jammern
KARL-HEINZ DERNOSCHEG
„Mehr erfolgreiche Gründungen und Start-
ups bekommen wir nicht durch weniger
Ausbildung, ganz im Gegenteil.“
Foto: Fischer
Dr. Karl-Heinz Dernoscheg, MBA, ist
Direktor der Wirtschaftskammer
Steiermark.
Die Geschichte des Handels ist so alt wie
die Geschichte der Menschheit. Ein funk-
tionierender Handel wurde bis dato stets
als Garant oder zumindest als wichtige
Voraussetzung für bürgerliche Freiheit
und Wohlstand angesehen. Gerade kleine
Wirtschaftsräume sind auf Handel und
vor allem auf den Export angewiesen. Am
Beispiel der Steiermark lässt sich das gut
ablesen: Im Jahr 2015 wurden von un-
seren Unternehmen Waren im Wert von
rund 19,7 Milliarden Euro in die weite
Welt geliefert. Viele dieser Herkunftsbe-
triebe sind in diesem Magazin gelistet, ih-
nen gilt mein besonderer Dank. Denn ihr
Erfolg auf den internationalen Märkten
sichert bereits jeden zweiten Arbeitsplatz
in unserem Land! Was wir im Umkehr-
schluss also brauchen, sind starke Anrei-
ze, um diese guten Exportzahlen weiter-
hin zu halten und zu steigern.
Im neuen Wirtschaftspaket der Bun-
desregierung findet das erfreulicher-
weise Berücksichtigung: 175 Millionen
Euro stehen den Unternehmen für die
beiden kommenden Jahre als Investiti-
onszuwachsprämie zur Verfügung. Was
wir auch brauchen, ist ein stabiler Rah-
men durch eine vernünftige Gewerbe-
ordnung. Denn sie garantiert den Konsu-
menten österreichische Dienstleistungs-
qualität und ist darüber hinaus ein Ga-
rant für unser hervorragendes duales
Ausbildungssystem, um das uns die hal-
be Welt beneidet. Diesen Schatz für fal-
sche Liberalisierungsversprechen aufs
Spiel zu setzen, wäre fahrlässig. Mehr er-
folgreiche Gründungen und Start-ups be-
kommen wir nämlich nicht durch weni-
ger Ausbildung, ganz im Gegenteil. Da-
für braucht es schon eine niedrigere Steu-
er- und Abgabenquote sowie weniger Bü-
rokratie. Hier setzt die aktuelle Reform
der Gewerbeordnung an der richtigen
Stelle an: Das Betriebsanlagenrecht wird
durchforstet. Qualität und Qualifikation
müssen auf jeden Fall sichergestellt sein,
um auch weiterhin am Weltmarkt eine
Rolle zu spielen. Als WKO unterstützen
wir unsere Unternehmen dabei, nicht zu-
letzt über das eigens eingerichtete Inter-
nationalisierungscenter Steiermark (ICS).
Was mich zu einer anderen höchst emoti-
onalen Debatte der vergangenen Wochen
und Monate führt: zur Diskussion über in-
ternationale Handelsabkommen, wie zu-
letzt jenem zwischen Kanada und der EU,
kurz CETA genannt. Warum wird freier
Handel angesichts der Faktenlage so miss-
trauisch betrachtet? Die Menschen sei-
en schlecht informiert, kann man oft le-
sen. CETA ist jedoch nichts, was plötzlich
und unvorbereitet über uns hereinzubre-
chen droht. Der Vertrag wurde über Jahre
ausverhandelt, und das bei Weitem nicht
hinter verschlossenen Türen, wie heute
nur allzu gern kritisiert wird. Tatsache
ist, dass seit 2009 die relevanten Partner
in die Verhandlungen eingebunden wa-
ren, seit 2014 ist der Vertrag ausverhan-
delt und kann öffentlich eingesehen wer-
den. Wer glaubt, dass da irgendetwas un-
ter Ausschluss der Öffentlichkeit auspak-
tiert worden ist, der hat von (wirtschafts-)
politischen Entscheidungsprozessen kei-
ne Ahnung.
Inhaltlich bietet CETA genau das, was ein
Handelsabkommen leisten muss: Handels-
und Zollerleichterungen, wechselseitiges
Anerkennen und Angleichen von Normen
und Vorschriften sowie einen leichteren
Zugang zu Ausschreibungen für öffentli-
che Aufträge. Es sind übrigens bei Weitem
nicht allein „die Konzerne“, die von CETA
profitieren, gerade Klein- und Mittelbetrie-
ben bieten sich dadurch Chancen. Denn
während große Unternehmen ohnehin vor
Ort produzieren, kann ein exportorientier-
tes KMU nicht so einfach ein paar tausend
Kilometer weiter westlich eine Produkti-
onsstätte aufbauen und von dort aus den
Markt bedienen. Für diese Unternehmen
bleibt ein erleichterter Zugang zu einem
Markt dieser Größe eine wesentliche Vor-
aussetzung, um dort erfolgreich zu agieren.
Apropos: CETA ist bei Weitem nicht das
einzige Regelwerk. Rund 30 andere Han-
delsabkommen sind in der EU bereits gül-
tig, 20 weitere werden zurzeit verhandelt.
Was CETA hingegen aufzeigt, ist die aktu-
elle Verfasstheit der Europäischen Union.
Wenn regionale Befindlichkeiten zur kon-
tinentalen Bedrohung werden, dann müs-
sen Entscheidungsfindungsprozesse über-
dacht werden. Ansonsten droht eine noch
peinlichere Handlungsunfähigkeit – und
das in einemWirtschaftsraum, der immer
noch zu den attraktivsten der Welt zählt.
Und wenn wir von Verfasstheit sprechen,
dürfen wir uns ruhig auch selbst an der
Nase nehmen. Denn eines ist nicht zu ver-
stehen: Ein Wirtschaftsvertrag mit Kana-
da wird zur Büchse der Pandora verzerrt
– wenn aber ein kanadischer Konzern in
Graz 3.000 Arbeitsplätze schafft, dann
wird von allen Seiten applaudiert …
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